Pressebericht Musicoutlook

Das gab’s vor in der Fachzeitung „Music Outlook" (eine Schwesterzeitschrift der auflagenstärksten Musikzeitschrift in Deutschland „Neue Musikzeitung“) in einer ganzseitigen Reportage zu lesen:

Musicoutlook – Zeitung für Musik, Markt, Technik und Pop-Politik;
Ausgabe 07-08/03

Nix für’s Volk


Portrait DIGITON RECORDS

Text: Andy Kuhn] [Fotos: DIGITON RECORDS]
[Interviewpartner; Jürgen Hagen]

Idylle im schönen Traunstein. Dort, in einem von außen völlig normal wirkenden Einfamilienhaus in einer Wohnsiedlung, befindet sich das Digiton Records Tonstudio, Schrägstrich Label. Und darin braut ein Herr namens Jürgen Hagen seine Zaubertränke.

„Das Hauptkriterium für mich ist, dass man in der Musik den Willen zur Kraft hören kann", erklärt er sein Auswahlverfahren. Klingt unüblich. Darum Aufklärungsarbeit:
DIGITON RECORDS ist keine Plattenfirma der herkömmlichen Denkstrukturen. Das bedeutet: kein Vertrag, keine Promotion, keine Übertragung von Urheberrechten und keine weiteren üblichen verdächtigen „Major“-Attribute". Was aber jeder Künstler braucht, um als radio- und damit formattauglich zu gelten, ist ein „Labelcode“. Und den muss man sich als Studiobetreiber ähnlich dem cäsarschen Lorbeerkranz verdienen. Das „Wie“ würde nun zu weit führen, ist aber im Internet mit einer präzisen „Google“-Stichwortsuche schnell aufgeklärt. DIGITON RECORDS ist, zusammengefasst, ein Tonstudio, das Kunden auch mit einem Lablecode aus statten kann.

Bizarr klingt es da, wenn Besitzer Jürgen Hagen eine strenge Kundenselektion trifft und nur die Musik im Studio produziert, die ein Mindestmaß an Seriösität besitzt: „Bei uns wird z.B. nie Musik im Musikantenstadl-Stil aufgenommen“, wohl aber „echte" Volksmusik“!

Eine Freiheit, die er sich nehmen kann, denn DIGITON RECORDS bedeutet nicht sein finanzielles Standbein. Jürgen Hagen ist studierter Schulmusiker. Gymnasiallehrer. Bevor nun die larmoyanten Kritiker mit dem erhobenen Zeigefinger für Lehrer kommen und in die PISA-Wunde stammeln: Aufgepasst und nachdenken! Ein Musiklehrer als Studiobetreiber scheint prinzipiell keine schlechte Idee zu sein. Gründe: Jürgen Hagen verbringt seinen Tag mit Musik, arbeitet mit jungen Menschen und befindet sich dementsprechend am Puls der Zeit. Kein Trend bleibt verpasst. Zusätzlich lassen sich bei der Jugend die Quellen der Kreativität anzapfen, ungeschliffene musikalische Juwelen anleiten und eine daraus resultierende stetige Horizonterweiterung rundet die Vorzüge des Musiklehrers als Studiobetreiber ab. Außerdem sind Musiker bekanntlich eigen. Insbesondere, wenn sie von „ihrer“ Musik unfassbar überzeugt sind. Da braucht es manchmal eines erfahrenen Pädagogen (nicht selten Psychologen), um Studioaufnahmen in die richtigen Kanäle zu leiten.

Nicht zu vernachlässigen: Der Aspekt Geld. Ein Studiobesitzer, der knapp vor dem monitären Kollaps steht, braucht Studiodauerbetrieb. Das funktioniert nur mit teuerer Studiozeit. Aufnahmen könnten in die Länge gezogen werden, unerfahrene Bands über den Tisch. Die Muse an der Musik geht verloren. Das zahlende „Mross oder Marianne und Michaela-Double“ bekommt den Vorzug gegenüber der ambitionierten Nachwuchsband, denn bezahlte Bierzeltauftritte finanzieren einen Studioaufenthalt eher als der selbst organisierte Jugendclub-Gig der „Korn"-Azubis. Ein Studioherrscher in Not muss also fast wählerisch sein, denn Schlager und Konsorten können sein Überleben gewährleisten und eine aufkeimende Jugend-Subkultur dürfte ihm in dieser Situation herzlich egal sein. Dass dabei Ambitioniertes, Interessantes und Mutiges auf der Strecke bleibt, ist eine bittere, aber nicht zu umstoßende Wahrheit. Abhängigkeit führt zum Verfall der Qualität. DIGITON RECORDS ist keineswegs davon betroffen. „Ich kann es mir inzwischen leisten, einer Band mal einen oder mehrere Studiotage zu schenken, da die finanzielle Ausstattung des Studios im Wesentlichen beendet ist“, beruhigt Jürgen Hagen die aufgewühlt beschriebene Situation.

Eine goldene Nase verdient er sich als Studiobesitzer sicher nicht, obwohl die räumliche Situation kaum dem üblichen Klischees der „kleinen“ Studios entspricht:
Jene befinden sich oft in Kellern oder Doppelgaragen, die im ehemaligen Elternhaus nicht mehr benutzt werden. DIGITON RECORDS thront jedoch im ersten und zweiten Stock. Der erste Eindruck ist architektonisch eine Offenbarung. Kein kalt kahles Kellerambiente, keine Betonsterilität mit gegenüber liegenden Waschmaschinen-Räumen. Jürgen Hagen dokumentiert: „Uns war es ein großes Anliegen, eine familiäre Atmosphäre zu schaffen. Z.B. sind hier knapp zwei Kilometer Kabel verlegt, von denen man kaum etwas sieht“. Die heimelige Atmosphäre lässt sich aber nicht nur an der latenten Existenz von Kabelsträngen definieren. Allein die Herzlichkeit, mit der die Frau im Haus, die Kunstmalerin Maura (die zudem das gesamte Interieur des Gebäudes mit beeindruckenden Gemälden versehen hat), ihre Gäste bewirtet, ist umwerfend.

Fast möchte man der mitten im Aufnahmeraum stehenden Kaffee-Ecke magische Kräfte zusprechen, denn eine gepflegte Kaffee-Runde im Kreis der Band, die im Stress der Aufnahmen schon mal die gute Kinderstube vergisst, wirkt sich durchaus rettend auf das kurzzeitig instabile Bandgefüge aus. Nicht zu vergessen: der Wirtshaus-Kickerkasten im „Erholungsraum“. Diese „Wohlfühl-Umgebung“ erfährt man bereits beim ersten „Beschnuppern“ des Studios. Der beschriebene Gesamteindruck befällt aber nicht nur Besucher. Die Musiker, die schon einige Tage oder Wochen im Studio verbracht haben, drücken ihre Gefühle im Gästebuch von Digiton Records ungeniert euphorisch aus und bestätigen Jürgen Hagen und seiner Frau Maura, nicht nur die Dienstleistung eines Aufnahmestudios anzubieten, sondern auch auf der persönliche Ebene eine entscheidende Komponente zum Studioalltag beizutragen.

Die enthusiasmierten Einträge lesen sich folgendermaßen: „Es war aufregend, interessant und kurzweilig. Viel gesehen, viel gehört, viel erlebt, es hat Spaß gemacht! „Allererste Sahne“. Oder: „Die Atmosphäre war super. Das Digiton Studio ist ein äusserst gemütliches, unglaublich flexibles, professionelles, durchdachtes, entspanntes, aber auch spannendes, fittes, schnelles, faszinierendes Studio“! Den Tatbestand der Speichelleckerei, um sich Aufnahmen zu erschleichen, darf man getrost vernachlässigen. Digiton trifft den Nerv der Musiker. Jürgen Hagen ist ein kompetenter Musikverrückter, der nicht dem eigenen Hubschrauberlandeplatz nachhechelt, sondern sich als Berater und Begleiter der Musiker sieht. Kein „Ich Produzent – ihr Musiker“-Gehabe. Demo-CDs landen nicht im Mülleimer.

Hagen erzählt eine alte traurige Geschichte: Eine deutsche Zeitschrift verschickte ein Demotape an alle Major-Labels. Schön verpackt, mit Bandbio und Fotos. Dann wartete man eine Weile. Zwei schickten keine Antwort. Die anderen schrieben nach einer Weile die üblichen Absagen, nach dem Prinzip, „Danke für die Einsendung, wir haben uns Eure Musik aufmerksam angehört, leider können wir im Moment nichts für Euch tun, da Ihr in unser aktuelles Programm nicht hineinpasst. Lasst Euch aber nicht entmutigen, Rock on.“ Nun kommt der Clou an der Geschichte: Auf den Demotapes war nichts drauf, absolut nichts. Nur leere Kassetten.

Digiton verfährt da professioneller: „Wenn wir ein Demo bekommen, bleibt das zwar eine Zeit liegen, dann hören es meine Frau und ich aber bei einem Gläschen Wein an und machen uns zu jedem Lied Gedanken. Außer es ist völliger Mist“, erläutert Jürgen Hagen. „Ich antworte den Bands auch. Natürlich gibt es einen Briefbeginn, den ich jedes Mal verwende, aber ansonsten nehme ich explizit zu einigen Songs Stellung und schreibe, was mir gefällt oder man besser machen könnte". Den Nachwuchsbands, die am Verzweifeln sind, da sie entweder keine Antwort von Plattenfirmen bekommen oder eben Standardabsagen, sei empfohlen: Schnürt noch ein einziges Paket und sendet es DIGITON RECORDS. Von Jürgen Hagen kann man die Einschätzung eines Profis erhalten, der aufzeigt, was man wirklich kann. Oder eben nicht. Jürgen Hagen kann niemandem zu großen Ruhm verhelfen, trotzdem wäre eine Reise nach Traunstein überlegenswert, um mit ihm über Aufnahmen zu sprechen. Jürgen Hagen ist auf der Seite der Musiker. Er ist nämlich selbst einer.